Den Fachkräftemangel löst ein Industriebetrieb selten mit einer einzelnen Kampagne. Am meisten erreicht, wer in dieser Reihenfolge vorgeht: zuerst die vorhandenen Leute halten, dann eigenen Nachwuchs ausbilden und entwickeln und erst danach in Sichtbarkeit als Arbeitgeber investieren. Jede Fachkraft, die nicht kündigt, ist eine Stelle, die Sie nicht besetzen müssen.
Wie angespannt ist die Lage?
Die Zahlen schwanken mit der Konjunktur, das Grundproblem bleibt. Laut KfW-ifo-Fachkräftebarometer meldeten im April 2026 rund 22 Prozent der mittelständischen Unternehmen, dass Fachkräftemangel ihre Geschäftstätigkeit behindert. Im verarbeitenden Gewerbe traf das auf 18,3 Prozent der Mittelständler zu, aber nur auf 8 Prozent der Großunternehmen (KfW, 16.06.2026). Die KfW erwartet, dass der Mangel mit besserer Konjunktur wieder zunimmt.
Die Bundesagentur für Arbeit zählte für 2025 insgesamt 157 Berufe mit Fachkräfteengpässen, darunter Bau- und Handwerksberufe sowie Berufskraftfahrer (BA, 02.09.2026). Für den Mittelstand bedeutet das: Er konkurriert mit Konzernen um dieselben Leute, oft mit weniger Budget für Personalmarketing.
Hebel 1: Die eigenen Leute halten
Bevor Sie Geld in Stellenanzeigen stecken, lohnt der Blick nach innen. Die EY-Jobstudie 2025 zeigt, dass 26 Prozent der Beschäftigten in Deutschland aktiv oder gelegentlich nach einer neuen Stelle suchen. Als Gründe für frühere Wechsel nannten die Befragten am häufigsten eine zu niedrige Bezahlung (35 Prozent), Unzufriedenheit mit dem Führungsverhalten der Vorgesetzten (28 Prozent) und eine schlechte Unternehmenskultur (23 Prozent) (EY-Jobstudie 2025).
Gehalt ist also wichtig, aber nicht alles. Ein großer Teil der Kündigungen hat mit Führung und Klima zu tun, und darauf haben Sie direkten Einfluss.
Was konkret hilft:
- Fluktuation messen. Wie viele Mitarbeitende sind in den letzten drei Jahren gegangen, in welchen Bereichen, nach wie vielen Jahren? Führen Sie mit jedem, der geht, ein ehrliches Abschlussgespräch.
- Meister und Schichtleiter als Führungskräfte stärken. In vielen Betrieben wurden die besten Facharbeiter zu Vorgesetzten, ohne je auf diese Rolle vorbereitet zu werden. Ein gestärktes Führungsteam ist einer der wirksamsten Hebel gegen Kündigungen.
- Regelmäßige Gespräche. Ein strukturiertes Jahresgespräch mit Fragen zu Entwicklung, Belastung und Zufriedenheit zeigt Probleme, bevor sie zur Kündigung werden.
- Flexibilität dort, wo sie möglich ist. In der Produktion gibt es kein Homeoffice, aber oft Spielraum bei Schichtmodellen, Gleitzeit in indirekten Bereichen oder dem Tausch von Schichten. In der EY-Jobstudie wünschten sich 62 Prozent der Befragten flexible Arbeitsmöglichkeiten.
- Weiterbildung anbieten. Wer sich entwickeln kann, bleibt eher. Die Bundesagentur für Arbeit kann die Weiterbildung von Beschäftigten unter bestimmten Voraussetzungen fördern (§ 82 SGB III). Fragen Sie beim Arbeitgeber-Service Ihrer Arbeitsagentur nach.
Hebel 2: Fachkräfte selbst ausbilden und entwickeln
Die verlässlichste Quelle für Fachkräfte, die Ihre Maschinen und Abläufe kennen, ist der eigene Betrieb.
- Ausbildung ernst nehmen. Eine feste Ansprechperson, ein Plan für jedes Ausbildungsjahr und echte Aufgaben statt Hilfsarbeiten machen den Unterschied. Sprechen Sie spätestens im zweiten Ausbildungsjahr über die Perspektive nach dem Abschluss.
- Quereinsteiger qualifizieren. Angenommen, ein Zerspanungsbetrieb mit 60 Mitarbeitenden findet seit Monaten keine ausgebildeten Maschinenbediener. Ein Weg kann sein, technisch interessierte Quereinsteiger aus verwandten Berufen einzustellen und sie mit einem klaren Einarbeitungsplan und begleitender Qualifizierung an die Maschinen heranzuführen.
- Ältere Mitarbeitende einbinden. Erfahrene Kollegen kurz vor der Rente können als Paten für Neue ihr Wissen weitergeben, bevor es verloren geht.
Hebel 3: Den Kreis der Bewerber erweitern
Wer immer dieselbe Zielgruppe anspricht, findet immer dieselben wenigen Kandidaten. Prüfen Sie, wen Sie bisher übersehen:
- Frauen in gewerblich-technischen Berufen, zum Beispiel über Praktika und Kooperationen mit Schulen
- Rückkehrer, die den Betrieb früher verlassen haben
- Teilzeitkräfte, etwa Eltern, die nur bestimmte Schichten übernehmen können
- Fachkräfte aus dem Ausland
Die Bundesagentur für Arbeit stellt fest, dass sich der Anteil ausländischer Beschäftigter in Engpassberufen seit 2014 von sieben auf rund 14 Prozent verdoppelt hat (BA, 02.09.2026). Informationen zu Anerkennung, Visa und Ansprechpartnern bietet das Portal der Bundesregierung Make it in Germany. Planen Sie bei internationalen Fachkräften Zeit für Sprache, Wohnungssuche und Einarbeitung ein. Ohne diese Begleitung scheitert die Integration oft im ersten Jahr.
Hebel 4: Als Arbeitgeber sichtbar werden
Viele mittelständische Industriebetriebe sind bessere Arbeitgeber, als es von außen aussieht. Sie bieten sichere Arbeitsplätze, kurze Wege zur Geschäftsführung und abwechslungsreiche Aufgaben, sagen das aber nirgends.
Sicherheit ist dabei ein starkes Argument: In der EY-Studierendenstudie 2026 nannten 52 Prozent der befragten Studierenden einen sicheren Arbeitsplatz als wichtigstes Kriterium bei der Arbeitgeberwahl, noch vor dem Gehalt mit 43 Prozent (EY-Studierendenstudie 2026).
Was Sie dafür brauchen:
- Ein Arbeitgeberversprechen, das stimmt. Nicht „familiäres Arbeitsklima", sondern konkret: Was erleben Mitarbeitende bei Ihnen, was sie anderswo nicht erleben? Fragen Sie Ihre Belegschaft. Gemeinsam erarbeitete Unternehmenswerte liefern dafür die Grundlage.
- Eine Karriereseite mit echten Bildern. Zeigen Sie Ihre Halle, Ihre Leute und Ihre Maschinen statt Stockfotos.
- Stellenanzeigen, die Fragen beantworten. Schichtmodell, Gehaltsrahmen, Einarbeitung und Ansprechperson gehören hinein.
- Mitarbeiterempfehlungen. Ihre Belegschaft kennt Fachleute aus der Region. Ein einfaches, gut kommuniziertes Prämienmodell macht daraus einen Kanal.
Wie Sie daraus eine stimmige Arbeitgebermarke entwickeln, zeigen wir auf unserer Seite Employer Branding für den Mittelstand.
Hebel 5: Den Bewerbungsprozess beschleunigen
Die beste Arbeitgebermarke nützt nichts, wenn Bewerbungen tagelang unbeantwortet bleiben. Gerade gewerbliche Fachkräfte haben oft mehrere Optionen gleichzeitig.
- Bewerben ohne Anschreiben, idealerweise per Smartphone in wenigen Minuten
- Eingangsbestätigung am selben Tag, Rückmeldung innerhalb weniger Werktage
- Kennenlernen im Betrieb statt mehrerer Interviewrunden: Halle zeigen, künftige Kollegen vorstellen
- Eine verantwortliche Person für jede Bewerbung, damit nichts liegen bleibt
Checkliste: Fachkräfte finden und binden
- Fluktuation der letzten drei Jahre ist ausgewertet, Abschlussgespräche finden statt.
- Meister und Schichtleiter haben eine Führungsqualifizierung erhalten oder geplant.
- Jede Fachkraft hat mindestens einmal im Jahr ein strukturiertes Gespräch.
- Weiterbildungsmöglichkeiten und Fördermöglichkeiten der Arbeitsagentur sind geprüft.
- Ausbildung hat feste Ansprechpersonen und einen Plan für die Übernahme.
- Zielgruppen jenseits klassischer Bewerber sind benannt und werden angesprochen.
- Ein konkretes Arbeitgeberversprechen ist mit der Belegschaft abgestimmt.
- Karriereseite und Anzeigen zeigen echte Bilder, Schichtmodell und Gehaltsrahmen.
- Bewerbung ist per Smartphone möglich, Antwort erfolgt binnen weniger Tage.
- Ein Empfehlungsprogramm für Mitarbeitende ist eingeführt.
Ihr nächster Schritt
Fachkräftesicherung ist Chefsache, weil sie Führung, Marke und Organisation zugleich betrifft. Mit H-CORE.START 90 erarbeiten wir mit Ihrem Führungskreis in 90 Tagen, wo Ihre größten Hebel liegen, und setzen Arbeitgebermarke, Karriereseite und Kampagnen auf Wunsch direkt mit unserem Agenturteam um. Einen ersten Eindruck gibt Ihnen der H-CORE.CHECK.
Quellen
- KfW Research: Fachkräftemangel entspannt sich weiter, bleibt aber hoch, Pressemitteilung vom 16.06.2026
- Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfte bleiben knapp – Zuwanderung gewinnt weiter an Bedeutung, Presseinfo Nr. 32 vom 02.09.2026
- EY: Jobstudie 2025, Pressemitteilung vom 12.09.2025
- EY: Studierendenstudie 2026, Pressemitteilung vom 08.06.2026
- § 82 SGB III – Förderung beschäftigter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
- Make it in Germany – Portal der Bundesregierung für internationale Fachkräfte
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